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Neue Vielfalt

Die meisten Neobiota fügen sich im neuen Lebensraum in die Artengemeinschaft mit ihren Wechselbeziehungen ein, ohne vorhandene Arten zu gefährden. Sie erhöhen damit die lokale Artenvielfalt. Andere sind zunächst völlig unauffällig und zeigen erst mit einer Zeitverzögerung von Jahren negative Auswirkungen auf das Ökosystem. Es gibt aber auch Neobiota, die unmittelbar Probleme in ihrer neuen Umgebung verursachen. Sie vermehren sich sehr stark und gefährden die einheimische Artenvielfalt. Solche Neobiota werden als „invasiv“ bezeichnet.

In Deutschland werden Neobiota dann als „inva­siv“ bezeichnet, wenn sie in ihrer neuen Heimat die einheimische Artenvielfalt gefährden.

Arten, die ausschließlich wirtschaftliche Schä­den oder gesundheitliche Probleme beim Men­schen verursachen, sind nach dieser Definition nicht invasiv. Dies wird im allgemeinen Sprach­gebrauch oft vermischt und in anderen Ländern auch anders gehandhabt.

Jedoch ist auch aus wissenschaftlicher Sicht die Unterscheidung nicht immer eindeutig ge­klärt. So steht die aggressivere Nilgans auf der europäischen Liste invasiver Arten, die Kanada­gans dagegen nicht. Daher wird nur die Nilgans bekämpft. Doch man weiß bei beiden Arten noch nicht sicher, ob und wie sie sich langfristig negativ auf die einheimische Artenvielfalt aus­wirken werden.

In jedem Falle sind Kanadagans und Nilgans mancherorts ungern gesehene Gäste – mit ihrem Kot verschmutzen sie viele Liegewiesen.

Graugans
Anser anser

Einige Neobiota stellen eine Gefahr für unsere Gesundheit dar. Dabei kann es sich um Überträger von Krankheitserre­gern wie im Fall der Asiatischen Tigermücke handeln. Diese ist als Überträgerin des Sika-Virus und des Dengue-Fieber- Virus bekannt. Oder es handelt sich um Krankheitserreger an sich, wie wir alle leidvoll durch das Corona-Virus erfahren haben.

Unter den Neophyten gibt es ebenfalls einige, die gesund­heitliche Probleme hervorrufen können. Zu ihnen gehören die Beifuß-Ambrosie, deren Pollen bei einigen Menschen heftige allergische Reaktionen auslöst, und der Riesen­bärenklau. Er verursacht durch einfachen Hautkontakt mit anschließender Sonneneinwirkung eine Photodermatitis – das sind verbrennungsähnliche Hautveränderungen. Daher werden diese Arten intensiv bekämpft.

Asiatische Tigermücke
Aedes albopictus
Bettwanze
Cimex lectularius
Riesenbärenklau/ Herkulesstaude
Heracleum mantegazzianum
Auwaldzecke
Dermacentor reticulatus

Die meisten neuen Arten, die sich in unserer Natur ansie­deln, haben keine negativen Auswirkungen auf ihren neuen Lebensraum. Viele bleiben auf bestimmte Standorte be­schränkt und breiten sich nicht weiter aus. Andere treten zwar in Konkurrenz mit den bereits vorhandenen Arten, doch stellt sich schon bald ein Gleichgewicht ein.

Eine große europaweit durchgeführte Untersuchung aus dem Jahr 2010 konnte dies sehr eindrucksvoll zeigen: Von 5.789 untersuchten neobiotischen Landpflanzen wirkten sich nur 326 (6 %) negativ ökologisch aus. Mehr Schad­potenzial haben dagegen neobiotische Landwirbeltiere. Bei ihnen waren es von 358 Arten 109 (30 %). Die meisten Neobiota stellen also anscheinend keine Bedrohung für die Artenvielfalt dar. Vielmehr können sie diese sogar erhöhen.

Tintenfischpilz
Clathrus archeri
Sikahirsch
Cervus nippon
Rosskastanienminiermotte
Cameraria ohridella
Echter Mehltau der Platane
Erysiphe platani
Robinien-Blatttütenfalter
Parectopa robiniella
Robinienminiermotte
Macrosaccus robiniella

Manche Neobiota wirken sich negativ auf die biologische Vielfalt ihres neuen Lebens­raums aus, beispielsweise durch Veränderungen der Nahrungsketten. Auch durch die Konkurrenz um Ressourcen wie Wuchsstandort oder Brutplätze verdrängen Neuan­kömmlinge schon vorhandene Organismen und bringen sie an den Rand der Ausrottung.

Neobiota können auch die genetische Vielfalt verringern: Wenn sich zwei nahe ver­wandte Arten vermischen, verschwinden diese allmählich, übrig bleibt eine Hybridart. Darüber hinaus schleppen Neobiota neue Parasiten und Krankheitserreger ein, die indi­gene Arten gefährden. Manche Neophyten verändern auch die Bedingungen an ihrem Wuchsort zu Ungunsten einheimischer Pflanzen. Sie reichern zum Beispiel Nährstoffe im Boden an oder produzieren schlecht abbaubares Laub.

Nordamerikanischer Ochsenfrosch
Rana catesbeiana
Kalikokrebs
Faxonius immunis
Japanischer Staudenknöterich
Fallopia japonica
Waschbär
Procyon lotor

Manche Neobiota wie die Roteiche oder die Regenbogenforelle wurden eingeführt, um sie wirtschaftlich zu nutzen. Andere wie zum Beispiel die Marmorierte Baumwanze verursachen hohe Ernteausfälle und finan­zielle Schäden in Millionenhöhe in der Landwirtschaft. Die aus Asien stammende Varroamilbe parasitiert Honigbienen und verringert somit den Honigertrag. Ohne Bekämpfung sterben viele Bienenvölker ab. Die Kartoffelfäule, ein aus Nordamerika nach Europa gelangter Eipilz, hat in der Vergangenheit sogar Hungersnöte ausgelöst und in der Folge eine große Auswanderungswelle aus Europa in die USA. Auch an Bauwerken können Neobiota Schäden verursachen. Der Bisam untergräbt Ufer und Dämme, die dadurch instabil werden. Deshalb wird er, wo immer es mög­lich ist, bejagt, was mit hohen Kosten verbunden ist.

Asiatischer Marienkäfer
Harmonia axyridis
Schwimmblasenwurm
Anguillicoloides crassus
Varroa-Milbe
Varroa destructor
Marmorierte Baumwanze
Halyomorpha halys
Kartoffelmehltau, Kraut- und Knollenfäule der Kartoffel
Phytophthora infestans
Lindenwanze
Oxycarenus lavaterae
Amerikanische Kiefernwanze
Leptoglossus occidentalis
Buchsbaumzünsler
Cydalima perspectalis
Bläulingszikade
Metcalfa pruinosa