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WEGE AUS DER FERNE

Der weltweit zunehmende Handel und Verkehr verstärkt den Austausch von Arten über die Kontinente. Manche Neobiota kommen versteckt in Handelswaren, im Saatgut oder durch Flugzeuge, Schiffe oder Autos zu uns. Auch Parasiten und Krankheitserreger reisen verborgen in ihrem Wirt ein. Tiere und Pflanzen werden auch absichtlich eingeführt und in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt oder als Gartenpflanzen oder Haustiere angeschafft. Zur biologischen Schädlingsbekämpfung wurden ebenfalls schon gezielt Arten ausgesetzt. Und der Klimawandel bereitet wärmeliebenden Arten den Weg sich selbständig nach Norden auszubreiten.

Unterschiedlichste Pflanzen, Tiere aber auch Pilzarten gelangen aus der ganzen Welt zu uns. Doch die meisten Arten, die sich dauerhaft ansiedeln und Nachkommen bilden, sich also etablieren, stammen aus Nordamerika, den gemäßigten Klimazonen Asiens und aus anderen Teilen Europas. Arten aus diesen Gebieten finden in Ihrem neuen Lebensraum ähnliche klimatische Bedingungen vor wie in den Regionen, aus denen sie stammen. Sie sind bereits gut an ihren neuen Lebensraum angepasst und die Vor­aussetzungen für eine Ansiedlung sind gut. Andere Arten, die zum Beispiel aus den tropischen Regionen Asiens oder Afrikas stammen, sind an deutlich höhere Temperaturen angepasst und vertragen die kühlen Temperaturen des mitteleuropäischen Winters nicht. Jedoch profitieren gerade wärmeliebende Arten vom menschengemachten Klimawandel und können sich zunehmend ausbreiten.

Halsbandsittich
Psittacula krameri

Oft werden neue Arten in Deutschland zuerst in der Oberrheinebene entdeckt. Warum ist das so?

Durch die Oberrheinregion verlaufen wichtige Nord-Süd-Verkehrswege wie Autobahnen und Bahn­strecken und der Rhein als Hauptwasserstraße Deutschlands. Der Rhein ist außerdem über den Rhein-Main-Donau-Kanal mit der Donau verbunden. Somit ist die Oberrheinregion ein Knotenpunkt für Handel und Transport von Waren. Darüber hinaus herrscht in der Oberrheinregion ein wärmeres Klima als in anderen Gegenden Deutschlands. Daher können sich hier insbesondere wärmeliebende Arten ansiedeln. Zu diesen gehören zum Beispiel Tiere, Pflanzen und Pilze, die über die Burgundische Pforte, einem Bereich zwischen Vogesen und Juragebirge, aus dem Mittelmeerraum über das Rhône­tal nach Deutschland gelangen.

Die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels sind mittlerweile weltweit sichtbar und betreffen sowohl in­digene Arten als auch Neobiota. Für wärmeliebende Tiere, Pflanzen und Pilze aus dem Mittelmeerraum begünstigt er die natürliche Ausbreitung. Das Vorkommen dieser Arten wurde bislang durch kalte Winter begrenzt, doch diese Barriere wird immer schwächer. So waren Gottesanbeterin, Spinnenläufer oder der Bienenfresser früher nur lokal be­grenzt an besonders warmen Orten wie dem Kaiserstuhl zu finden. Inzwischen haben sie ihr Areal erweitert.

Auch neobiotische Arten, die aus warmen Weltgegenden zu uns gelangen, haben durch den Klimawandel bessere Chancen sich bei uns auszubreiten. Darunter sind auch problematische Arten wie die Asiatische Tigermücke, die tropische Krankheiten übertragen kann.

Bienenfresser
Merops apiaster
Admiral
Vanessa atalanta
Totenkopfschwärmer
Acherontia atropos
Distelfalter
Vanessa cardui
Türkentaube
Streptopelia decaocto
Karstweißling
Pieris mannii

Nach der Wiederentdeckung Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 nahm der See­handel Fahrt auf und Forschungsreisende brachten Arten aus aller Welt nach Europa. Heute können verschiedenste Lebewesen innerhalb von Tagen oder sogar Stunden mit Hilfe von Schiffen oder Flugzeugen von Kontinent zu Kontinent gelangen. Versteckt in Handelsgütern und Verpackungen, im Ballastwasser von Schiffen oder als Verunreini­gungen im Saatgut werden sie über bisher unüberwindbare Barrieren wie Berge oder Ozeane verschleppt.

Der Bau neuer Kanäle und Fernstraßen vernetzt Lebensräume immer stärker und ermög­licht so vielen Arten eine schnelle Ausbreitung. Leider gelangen damit auch Parasiten und Krankheitserreger in vorher unbesiedelte Gegenden. Sie reisen im oder am Körper anderer Lebewesen mit.

Blasenkirschen- Weißbrand
Entyloma australe
Bananenspinnen
Phoneutria boliviensis

Oft werden gebietsfremde Arten gezielt in die Natur entlassen: Sie sollen sich dort vermehren und stabile Bestände bilden, damit sie als Jagdwild, Nutzholz oder Bienenweide genutzt werden können. Auch für die Fi­scherei wurden Fische in Teichen, Seen und Flüssen ausgesetzt, wo sie die Nahrungsketten verändern.

Probleme verursachen auch vermeintliche Tierfreunde, die ihre lästigen oder zu groß gewordenen Lieblinge der Natur überlassen. So finden sich inzwischen Buch­staben-Schmuckschildkröten, Sonnenbarsche und an­dere ehemalige Haustiere in den Rheinauen.

Auch das Ansiedeln von Organismen zur biologischen Bekämpfung von Schädlingen in der Landwirtschaft kann unabsehbare Folgen haben. Einmal der Natur übergeben, sind sie, wie das Beispiel Asiatischer Ma­rienkäfer zeigt, meist nicht mehr zu kontrollieren.

Schuppenkarpfen
Cyprinus carpio
Goldfisch
Carassius gibelio
Persischer Ehrenpreis
Veronica persica
Marderhund
Nyctereutes procyonoides
Buchstaben- Schmuckschildkröte
Trachemys scripta

Gebietsfremde Arten gelangen oft unbeabsichtigt in unsere Natur. So wurden beispielsweise Waschbär und Nutria ursprünglich zur Fellnutzung in Pelztierfarmen ge­züchtet, von wo Tiere entkamen.

Andere Tiere kommen durch den Handel ins Land und werden als Haus- oder Zootiere gehalten. Doch manch­mal entweichen insbesondere Vögel ungeplant ihrer Ge­fangenschaft und können sich im neuen Lebensraum ansiedeln. Ein gutes Beispiel sind die Halsbandsittiche, die seit Jahren in Städten entlang des Rheins nisten und stabile Populationen gegründet haben.

Auch Pflanzen können von ihrer ursprünglichen Bestim­mung als reine Gartenzierde abweichen und verwildern, wenn die Samen mit Gartenabfällen oder durch Tiere in die freie Natur gelangen.

Halsbandsittich
Psittacula krameri

Von den vielen neuen Arten, die jedes Jahr bei uns ankommen, überleben nur wenige und können sich etablieren. Welche Eigen­schaften helfen ihnen?

Tiere, Pflanzen und Pilze, die einen neuen Lebensraum erobern, sind meist sehr an­passungsfähig oder konkurrenzstark. Sie können unterschiedliche Nahrung verwer­ten, auf kargen Böden wachsen oder sie ertragen große Temperaturschwankungen. Ein weiterer Faktor ist das Fehlen von natür­lichen Feinden, Parasiten oder Krankheits­erregern.

Tieren hilft eine hohe Mobilität, um geeig­nete Bedingungen für die Fortpflanzung zu finden. Bei Pflanzen ist ein schnelles Wachstum und die Produktion einer großen Samenzahl von Vorteil, um Konkurrenten zu verdrängen. Und Arten, die sich asexuell durch Ausläufer oder Jungfernzeugung ver­mehren können, sind ebenfalls im Vorteil.